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 Weinskandal in Italien 
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Registriert: 08.08.2007, 16:44
Beiträge: 42
Beitrag Weinskandal in Italien
Stellungnahme der Merum-Redaktion zu den jüngsten italienischen Weinskandalen

Die Merum-Redaktion versucht hiermit, für ihre Leser und interessierte Journalisten einige aktuelle Fakten zu ordnen und zu interpretieren. Wir halten dies für unumgänglich, nachdem Merum von zahlreichen Lesern und Redaktionen um Stellungnahme gebeten wurde.

Mit Schlagzeilen zum Thema Weinpanschen lassen sich Auflagen steigern. Eine seriöse Redaktion unternimmt aber alles, um solche Reizthemen differenziert abzuhandeln. Vielen Lesern und Redaktionen scheint nicht klar zu sein, dass die vermuteten Betrugsfälle von Montalcino nichts mit dem Panschskandal zu tun haben.

Wir haben es aktuell mit drei italienischen Skandalen zu tun:
1. Fälschungsskandal: Herstellung von Kunstwein in Apulien.
2. Betrugsskandal: Verdacht auf Nichtrespektierung der Produktionsregeln einiger Produzenten in Montalcino.
3. Presseskandal: Das Vermischen dieser beiden und anderer Vorkommnisse sehr unterschiedlicher Art und Gravität und die Publikation zu Beginn der Vinitaly durch das italienische Magazin L'Espresso.

Die Reaktionen der Presse
Pünktlich zur Eröffnung der wichtigsten Weinmesse Italiens, die Vinitaly in Verona, platzte das Magazin L'Espresso mit der Titelstory "Velenitaly" (= "Gift-Italien"). Der Artikel befasste sich mit dem Weinfälschersskandal in Apulien, mischte jedoch auch Meldungen über den Brunello di Montalcino, Chianti, Pantelleria, Mozzarella-Käse und Olivenöl in die Story, vor allem aber auf die Titelseite. (http://espresso.repubblica.it/dettaglio ... ly/2011967)
Der L'Espresso-Artikel bildete nicht nur das Hauptthema der diesjährigen Vinitaly, die skandalisierende Aufmachung und die Vermischung verschiedener, nicht zusammenhängender Vorfälle versetzte weite Teile des italienischen Weinsektors nachhaltig in Fieberstimmung.
Der Skandalbericht wurde von Teilen der ausländischen Presse dankbar aufgegriffen. Die Lektüre der Berichte in der deutschsprachigen Presse lassen jedoch vor allem darauf schließen, dass bisher noch keine Redaktion in der Lage war, eigene Recherchen anzustellen. Als Hauptinformationsquelle stützt man sich auf den L'Espresso-Bericht.
Manchen Redaktionen ging das italienische Magazin offensichtlich noch zu wenig weit, so dass sie sich bemüßigt fühlten, an Blutrünstigkeit noch eins draufzusetzen. Ein krasses Beispiel für journalistisches Aasgeiertum ist der schweizerische Blick, der sich am 5. April in der komplexen Situation mit der absichtlichen Vermischung von Fakten richtiggehend suhlte: Die Redaktion setzte einen Haupttitel und einen Zwischentitel, in denen beidemal das Reizwort "Brunello" erschien. Im Text darunter berichtete der Autor von "Chlorsäure" (er meinte wohl Salzsäure), von gepanschtem Brunello, vom Methanolskandal, von Schwefelsäure, von Düngersubstanzen, von "Winzern", die Produktionskosten sparen wollen und natürlich von Mafia. Das ist Journalismus der miesesten Art, weil sie unzusammenhängende Fakten ohne jede Fachkenntnis, ohne Rücksicht auf Unbeteiligte und Nebenwirkungen zu einem auflagegeilen Cocktail mixt.
Die meisten anderen Redaktionen schlachteten das Thema nicht so rücksichtslos aus wie das meistgelesene Blatt der Schweiz, sondern beschränkten sich angesichts des Informationsnotstandes auf das hilflose Zitieren aus dem L'Espresso-Bericht und lauwarmen Pressemeldungen von Konsortien, Messe Verona und Landwirtschaftsministerium.

Entdeckung von gefälschtem Wein
In einer großangelegten Aktion der Guardia Forestale dello Stato (Forstpolizei) und des Ispettorato per il Controllo della Qualità dei prodotti agroalimentari (Amt für Fälschungsbekämpfung des Landwirtschaftsministeriums) wurden am 3. Dezember 2007 in Veronella (Provinz Verona) 16 700 Liter gefälschen Weins entdeckt. Der Inhaber der Kellerei, Bruno Castagna, wurde unter Hausarrest gestellt. Der Beschuldigte war bereits Mitte der 80er Jahren in den Methanolskandal verwickelt.
Die Ermittler verfolgen die Spur und stießen in Apulien auf riesige Mengen gefälschten Weins. Es handelt sich um fast 700 000 hl (70 Millionen Liter, entsprechend einer Menge von 90 Millionen Flaschen, also rund drei Chianti-Classico-Jahrgänge oder 1,5% der italienischen Weinproduktion!). Als Hersteller des Kunstweins wurden zwei Kellereien in Massafra, Provinz Taranto in Apulien identifiziert und laut ANSA-Meldung am 31. Januar 2008 vom Staatsanwalt versiegelt: die Enoagri Export SRL und die VMC SRL.

Das Panschrezept
"Wein" kann man die Flüssigkeit nicht nennen, die die Ermittler in Taranto in den Behältern vorfanden. Zu ihrer Herstellung wurde Wasser, Traubenmost, Melasse, Zitronensäure, Weinsäure, Salzsäure, Schwefelsäure, Phosphorsäure, Ammoniumsulfat, Hefen, Enzyme und Glyzerin verwendet.
Und so wird aus einem mit Wasser verdünnten Traubenmost Wein: Um den zu hohen pH (Maß für saure oder basische Wirkung einer Lösung) des Most-Wassergemisches auf Wein-Niveau zu bringen (knapp über 3), muss die Lösung durch den Zusatz von Säuren korrigiert werden. Mit Zitronen- oder Weinsäure käme dies jedoch viel zu teuer, starke Säuren kosten weniger und erreichen den Zweck in weit geringerer Dosierung. Mit Hefen und Ammoniumsulfat wird die Lösung zum Gären gebracht.

Kein Giftwein?
Ammoniumsulfat kann auch als Düngemittel eingesetzt werden (deswegen wird in den Berichten von "Kunstdünger" gesprochen), allerdings sind derlei stickstoffhaltige Substanzen übliche Kellerhilfsmittel, die in sehr geringen Konzentrationen als Hefenährstoffe bei der Gärung eingesetzt werden. Die Säuren sind in ihrer reinen Form hochgiftig und ätzend. Werden sie jedoch auf den weinüblichen pH verdünnt, sind sie gesundheitlich unbedenklich. Die Panschweine mögen zwar äußerst unappetitlich sein, aber giftig sind sie nicht. Diese Meinung vertritt auch das italienische Landwirtschaftsministerium in seinen Mitteilungen.

Wohin gelangte dieser Wein?
Von gut unterrichteten italienischen Quellen verlautet, dass aus den beschlagnahmten Papieren bisher keine Indizien für Kontakte mit ausländischen Abnehmern hervorgegangen sind. Es liegen noch keine konkreten Hinweise dafür vor, dass von diesem Panschwein ins Ausland gelangt ist. Sicher ist, dass die Ware als Vino da tavola bianco und Vino da tavola rosso in Fünfliterflaschen und Kartontüten in die italienischen Supermärkte gelangt ist und dort zu Billigstpreisen verkauft wurde. Es wird ausgeschlossen, dass der Kunstwein als IGT oder DOC in Verkehr gebracht worden ist.
Die Liste der Kunden der Panscherfirmen wurde vom L'Espresso unter diesem Link veröffentlicht: http://espresso.repubblica.it/dettaglio ... ne/2014907

Und was hat der Brunello mit diesem Skandal zu tun?
Nichts!
In Montalcino stehen einige Betriebe unter Verdacht, in ihren Brunello-Weinbergen Rebstöcke stehen zu haben, die von den Produktionsregeln nicht vorgesehen sind (vorgeschrieben sind 100% Brunello). In den nächsten Tagen, sobald unsere Recherchen abgeschlossen sind, werden wir Ihnen eine Stellungnahme zu den Vorkommnissen in Montalcino zustellen.

Strafe für die Fälscher, Billigtrinker mitschuldig!
Es ist zu hoffen, dass die Fälscher ihre gerechte Strafe erhalten. Leider funktioniert Italien in dieser Beziehung nicht ausgesprochen vorbildlich. Die Beteiligten an Fälschungsskandalen sind oft dieselben, regelmäßig tauchen ihre Namen wieder auf. Ihre Tätigkeit schläft bei Problemen mit der Justiz jeweils für ein paar Jahre ein, um dann unversehens wieder zu neuem Leben zu erwachen.
Weinfälschung ist ein antikes Gewerbe. Je weniger die Verbraucher bereit sind, für Wein einen gerechten oder zumindest würdevollen Preis zu bezahlen, desto fruchtbarer wird das Umfeld für önologische Kriminalität: Wer Billigwein kauft, arbeitet den Weinpanschern in die Hände.
Es ist richtig und wichtig, dass Kellereien und Handelsbetriebe, die Weine zu Preisen unter der Anstandsgrenze anbieten, besonders sorgfältig kontrolliert werden.

Andreas März, Chefredakteur Merum
Lamporecchio, den 15. April 2008


21.04.2008, 10:09
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Registriert: 08.08.2007, 16:44
Beiträge: 42
Beitrag Re: Weinskandal in Italien
Coop-Pressemeldung:
Brunello kann auch weiterhin genossen werde
n

Wein wird zurzeit in Italien bezüglich zwei verschiedener Vorfälle diskutiert. Die beiden Vorkommnisse haben nichts miteinander zu tun. Zum einen stehen toskanische Winzer unter Verdacht, Brunello und Rosso di Montalcino mit anderen Traubensorten verschnitten zu haben, zum andern soll ein Billigwein aus Süditalien mit Düngemitteln und Salzsäure versetzt worden sein. Mit dem zweiten Vorfall in Süditalien hat Coop nichts zu tun. Zudem verfügt Coop über ein akkreditiertes eigenes Labor, welches die erwähnten Substanzen erkennen würde.


Brunello und Rosso di Montalcino: Drei betroffene Weine im Sortiment
«Brunello di Montalcino» und «Rosso di Montalcino» müssen gemäss AOC / DOCG zu 100 % aus Sangiovese-Trauben hergestellt werden. Nun stehen verschiedene Winzer unter Verdacht bei der Weinherstellung illegalerweise weitere Traubensorten, wie Merlot- oder Cabernet-Trauben, beigemischt zu haben. Vorsorglich hat die italienische Justiz bei einigen Weinproduzenten einen Verkauf- und Exportstopp verhängt. Coop steht mit verschiedenen dieser Produzenten in geschäftlicher Beziehung. Derzeit hat Coop drei betroffene Weine im Sortiment. Selbst wenn sich der Verdacht als begründet erweisen sollte, wäre die Konsumation dieser Weine absolut unbedenklich und bedeutete für die Konsumentinnen und Konsumenten keinerlei gesundheitliche Gefährdung. Dennoch würde Coop unverzüglich reagieren und die Weine zurückziehen, sie könnten dann nicht mehr unter dem Namen Brunello oder Rosso di Montalcino verkauft werden.

Wichtig ist: sämtliche Weine, die Coop heute im Regal hat, verfügen über ein ordentliches Zertifikat des italienischen Staates, mit der Zusicherung, dass es sich um Rosso oder Brunello di Montalcino handelt.

Keinerlei geschäftliche Beziehung mit dem süditalienischen Billigwein-Lieferanten
Die italienischen Behörden ermitteln in einem zweiten Fall. Ein süditalienischer Weinproduzent soll zur Herstellung seines «Weines» neben Trauben unter anderem auch Salzsäure, Düngemittel und Wasser verwendet haben. Weder Coop noch ihre Lieferanten haben eine geschäftliche Beziehung zu diesem Billigwein-Produzenten.

Routinemässige Qualitätskontrolle bei Coop
Die Qualitätssicherung in Pratteln überprüft die Coop-Weine. Aufgrund der Analyse würden Abweichungen zu Tage treten.

Neben sensorischen Tests wird eine ausführliche Standard-Analyse durchgeführt. Diese beinhaltet im Wesentlichen die Untersuchungen nach freier schwefliger Säure, gesamter schwefliger Säure, dem Alkoholgehalt sowie flüchtiger Säure. Bei einem begründeten Verdacht werden weitere gezielte Analysen durchgeführt.

Pressestelle Coop, Basel, 9. April 2008


21.04.2008, 10:24
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